Achtsamkeit und Stresstoleranz

 

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Interview SRF mit Momo Christen im Jahre 2015


SRF: Momo Christen, beschreiben Sie uns Ihren Weg in die Sucht.
Momo Christen: Im Alter von sieben begann ich zu rauchen, mit zehn trank ich regelmässig und als Teenager kam dann das Kiffen. Meine Kindheit war geprägt von Gewalt, vielen Umzügen und stetigem Wechsel. Ich war total entwurzelt und dachte, das Leben auf der Gasse sei frei, passe besser zu mir. Am Ende stand dann Heroin, zudem verletzte ich mich selbst, um Druck abzubauen und das Ganze irgendwie ertragen zu können.

Es begann eine Odyssee durch über 30 Kliniken und ähnliche Institutionen. Wann kam der totale Tiefpunkt?
Da gab es diverse. Einmal wurde ich zwangsfixiert – das war furchtbar entwürdigend. Aus Angst, ich könne mich umbringen, entkleidete man mich total. Da liegst du also nackt und festgebunden auf dem Schragen – es fühlte sich an wie eine Vergewaltigung. Ein weiterer dunkler Moment war, als eine Freundin in der Klinik, in welcher ich auch lag, an einer Überdosis starb. Dieses Erlebnis bedeutete jedoch auch einen Wendepunkt. Ich wusste plötzlich: So darf es nicht weitergehen, sonst sterbe auch ich einsam in einer Klinik.

Und dann …?
Ich begann eine intensive Therapie und auch mein Umfeld fing an, sich zu wandeln. Es war klar, die Drehtürpsychiatrie, also von einer Klinik zur Nächsten, muss aufhören. Auf einer Geschlossenen habe ich dann meinen späteren Mann Sam kennengelernt. Wir haben den Entzug gemeinsam durchgezogen. Leider ist Sam vor vier Jahren gestorben. Eine enge Vertraute hat mir dann geholfen, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Nun nutzen Sie Ihre Erfahrung, um anderen Psychiatriepatienten zu helfen. Wie kann das funktionieren?
Genau. Eine Betreuerin brachte mich auf die Idee. Sie meinte: «Momo, du hast so viel erlebt. Du bist doch selbst Expertin.» Seit 2006 leite ich nun eine Selbsthilfegruppe und an der Berner Fachhochschule schloss ich den Lehrgang «Experienced Involvement» ab. Dieser bildet Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu «Experten durch Erfahrung» aus.

Sie gehen also heute als Fachfrau in die Klinik, in welcher Sie früher als Patientin waren?
Dieser Wechsel war schon strub, aber die Idee bewährt sich. Ich finde oft andere Wege zum Patienten als das Klinikpersonal. Dies schätzt unsere ergänzende Arbeit übrigens sehr.
Zu Beginn fühlte es sich schon komisch an. Als Mitarbeiterin bin ich heute zum Beispiel mit allen per Du und habe Schlüssel und Badge zur Klinik. Ich bin nun eine von der anderen Seite!